„Max Bense 6.12.1976 18.15-19.20h“
Fotografien von Jonnie Doebele.
Ausstellung im Foyer der Stadtbücherei
04.02.bis 13.02.2010
Einzige Fotoserie der legendären Max-Bense-Vorlesungen im Hörsaal K2. Der Stuttgarter Film&Video-Künstler Jonnie Doebele portraitiert seinen Professor vom Hörsaalsitz aus. Die Ausstellung zeigt zum ersten Mal 40 Fotografien aus dieser Serie.
Zu der Zeit hatte ich mich neben meinem Malereistudium auch in Philosophie eingeschrieben, weil ich von begeisterten Beschreibungen der Bense-Vorlesungen gehört hatte. Fasziniert von der unbändig frischen Energie, mit der dieser Mann das gesamte, hörsaalbreite Podium nutzte, von rechts nach links, und vielmals zurück, von seinem klar-logischen, rational-rigorosen Standpunkt aus gesehen, Zusammenhänge der natürlichen und der gestalteten Welt zu durchdringen. Dies stets spannend illustriert und hergeleitet, unterlegt mit Sichtweisen seiner historischen Kollegen, und nebenbei, fast unvermeidlich, jedesmal zwei riesige, dunkelgrüne Tafeln mit Kreide und Sinnverknüpfungen bemalte. -- Schon beim ersten Mal war für mich klar: dieses Ereignis wollte ich irgendwie (und so bald wie möglich) festhalten.
Ich will zugeben, ich habe damals nicht wie alle anderen Zuhörer mitgeschrieben oder auch nur stichworthafte Aufzeichnungen gemacht. Mich hat allein interessiert, was zu sehen war und wie Sätze gesprochen wurden. Zum Festhalten dieser Welt in Ausschnitten und Sekundenbruchteilen schien mir Fotografie am Besten geeignet. Ältere Semester - in meiner Erinnerung eine recht große Fraktion in diesem Hörsaal, alle eindeutig jenseits des fünfundzwanzigsten Semesters und wohl schon weit vor Entdeckung des Wortes "Regelstudienzeit" immatrikuliert - solche Kommilitonen reagierten, auf mein Ansinnen angesprochen, einzelsilbenbetont, mit dem Mitleidslächeln für einen Studienanfänger: - fotografieren? - während der...? - ausgeschlossen. - vergisses! - verboten!
So beschloss ich, mich behutsam und schrittweise meiner Idee zu nähern. Zuerst zeigte ich Bense einige meiner Fotoarbeiten, dann meine lebensgroßen Portraits und versuchte ihn für eine Fotoausstellung in seiner Institutsgalerie zu begeistern. Gemeinsam mit zwei befreundeten Fotokünstlern konnten wir bald darauf die erste reine Fotoausstellung der Studiengalerie vorbereiten. In seiner Eröffnungsrede setzte sich Bense mit unseren Arbeiten, aber auch mit der Kunstgattung Fotografie im allgemeinen auseinander. Als die Ausstellung erfolgreich abgeschlossen war, nutzte ich die Gelegenheit, Bense um die Erlaubnis zu bitten, in seinem Hörsaal zu fotografieren. Nach kurzem Zögern kam seine Zustimmung, allerdings verbunden mit einer kleinen Reihe von Vorgaben:
- nicht dieses dauernde "Klick-Klack" des Fotoapparats;
- kein Blitzlicht, kein Stativ;
- nicht von der ersten, zweiten oder dritten Reihe aus, und nicht umhergehen, sondern immer am Platz bleiben;
und die für mich auf den ersten Blick leichteste Bedingung:
- bevor jemand die Fotos zu sehen bekommt, erst ein Satz Abzüge für den Meister.
Obwohl ich spontan keine Ahnung hatte, wie ich unter diesen Umständen zu guten Aufnahmen kommen sollte, sah ich mich aber nicht in der Lage, zu verhandeln. Hatte da nicht jemand gesagt, daß gerade Beschränkung zu kreativer Lösung zwinge? Aber der Spiegel einer Reflex-Kamera, besonders der einer preisgünstigen, macht nun mal ein vernehmliches "Klick-Klack". Und für die Lichtverhältnisse im Hörsaal war ohne zusätzliches Licht auch das lichtempfindlichste Negativmaterial jener Zeit einfach deutlich zu langsam...
Mein Dank gilt meinem damaligen Freund und Mentor, dem Fotokünstler Dieter Krause, der mir zum einen seine Meßsucher-Leica borgte (ohne Spiegel und daher ohne "Klick-Klack"), und mich zu etlichen Versuchsreihen mit forcierter Negativentwicklung anregte.
Mein Sitzplatz links in der vierten Reihe, den ich nicht verlassen sollte, zwang zu einer gewissen Beschränkung der Perspektive, gegen die es kaum ein Mittel gibt. So sind an diesem Montagabend 76 Fotografien entstanden, an denen Bense nicht allein vor der Kamera ein gewisser Einfluß zugerechnet werden muß. Durch eine Kette schicksalhafter Umstände hat er "seinen Satz Abzüge" aber nie erhalten. Erst im Sommer 2008 konnte ich meine Fotoserie Frau Elisabeth Walther-Bense zeigen, die sich zu meiner Erleichterung über die meisten Bilder gefreut hat und mir dadurch Gelegenheit gab, gewissermaßen auch die letzte, noch verbliebene Vorgabe zu erfüllen.
Jonnie Doebele
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Jonnie Döbele
1972-78 Studium der Malerei,
Grafik und Fotografie, Staatliche Akademie der
bildenden Künste Stuttgart.
Studium der Kunstwissenschaft und Philosophie,
Universität Stuttgart.
1976 "Drei Bildermacher" (Live-Size
Photography), Studiengalerie Max Bense, Stuttgart.
1977 "Forum Junger Kunst", Museum Bochum.
"Kunstpreis junger Westen 77",
Kunsthalle Recklinghausen.
1978-80 Filmstudium St.Martin's School of Art,
London, The New School/
Parson's School of Design, New York.
1979 Third International
Avantgarde Film Festival, London.
DAAD-Jahresstipendium für Kunst/Film (New York).
1980 "Times Square Show", New York,
Mixed-Media/Art/Music Show, mit Beth B.,
Charlie Ahearn, Keith Haring, Jack Smith, u.a.
1981 Kurzfilmtage Oberhausen.
Auswahl des Filmprogramms für "Szenen der
Volkskunst", Württembergischer Kunstverein Stuttgart.
1981-86 Lehrbeauftragter für Filmgestaltung,
Staatliche Akademie der bildenden Künste, Stuttgart.
1983 Stipendium der Kunststiftung Baden-Würtemberg.
1984 "Kunstlandschaft Bundesrepublik"
Kunstverein Frankfurt/M. Festival Internationale
Cinema Giovani,
Turin.
1985 "Vom Klang der Bilder", Neue Staatsgalerie Stuttgart.
1986 AudioVisual Lisboa '86, Lisbon, Portugal.
1987 Sydney Film Festival, Australia.
1988 "LichtRaumBild", Württembergischer
Kunstverein Stuttgart/Kunsthaus Hamburg.
Arsenal Filmforum, Riga, Latvia.
"Kunst und Medien" Staatliche Kunsthalle, Berlin.
1989-92 Professor für Film- u. Videokunst,
University of Michigan, USA.
1992 Pacific Cinematheque, Vancouver, Canada.
2003 "Der Silberne Schnitt",
25 Jahre Kunststiftung Baden-Württemberg,
Württembergischer Kunstverein, Stuttgart.
2006 Werkschau "Retrosubversive" 19. Stuttgarter
Filmwinter, Festival for Expanded Media, Stuttgart.
Retrospektive der Single- und Multi-Screen-Filme.
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